Lenken statt ausbauen

Die Liste der Bausünden am linken Bielerseeufer ist lang. Und reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück.

Anno 1826 wehrten sich die Gemeinden gegen den Bau einer Strasse entlang dem Nordufer, weil dem Bauvorhaben wertvolles Rebland hätte geopfert werden müssen. Damals hatte der Berner Regierungsrat noch ein offenes Ohr für die Betroffenen, und entschied 1829 gegen den Bau einer «Bielerseestrasse».

Doch schon zwei Jahre später griff der Stadtrat von Biel die Idee einer Strassenverbindung zwischen Biel und Neuenstadt wieder auf. Und konnte diesmal Twann und Ligerz sogar für eine Mitfinanzierung des Projekts gewinnen. 1834 gab der Grosse Rat in Bern grünes Licht für die «Bielerseestrasse» – seit da nimmt die Fehlentwicklung ihren Lauf…

Schon bald zeigte sich, dass die ursprünglichen Befürchtungen mehr als berechtigt waren: Dem Bau der neuen Strasse wurde – oft gegen den Willen der Grundeigentümer – viel wertvolles Land geopfert. In den Rebdörfern musste im Durchschnitt jeder dritte Haushalt eine Parzelle abtreten. Zahlreiche Gebäude wurden – oft gegen den Willen der Grundbesitzer – abgebrochen. So zum Beispiel das Wildermethgut in Tüscherz oder das Josua-Wyttenbachhaus in Schafis.

Der nächste einschneidende Eingriff erfolgte mit dem Bau der Eisenbahnlinie Biel-Neuenburg. Ihr wurde in den 1850er Jahren unter anderem das stattliche Rebhaus Convalet des Klosters St. Urban geopfert.

Der grösste, wirklich zerstörerische Einbruch ins einst idyllische Landschaftsbild am Nordufer des Bielersees erfolgte allerdings in den 1960er und 1970er Jahren. Für den Ausbau der einstigen Kantons- zur Nationalstrasse sowie der SBB-Doppelspur wurden zahlreiche Beton-Kunstbauden und Viadukte erstellt, die das Ufer zwischen Biel und La Neuveville verunstalten. Das gesamte Unterdorf von Tüscherz-Alfermée wurde abgebrochen und in Wingreis opferte man das weit über die Region hinaus bekannte und beliebte legendäre Strandhotel. Besonders schlimm traf es auch das malerische Neuenstadt, wo der Autobahnviadukt das Stadtbild und den Zugang zum See verschandelt.

Mit Flickwerk hat man seither versucht, den Schaden zu begrenzen: Die Ligerzer erkämpften sich schon bald einen Strassentunnel, der zwar das Dorf vom Verkehr entlastet, aber neue unheilbare Narben in der Landschaft hinterlässt. Das Gleiche war im Rahmen des Westasts für Vingelz geplant, auch dort hätte das Tunnelportal mit viel Beton im labilen Fels verankert werden müssen…

Auch für den geplanten Ausbau des Ligerzertunnels bis nach Twann müssten weitere Rebhänge und gar Liegenschaften geopfert werden. Der denkmalgeschützte Weiler Wingreis würde noch stärker von der Autobahn bedrängt, als dies jetzt schon der Fall ist.

Dabei wissen wir heute: Der stetige Ausbau von Strasseninfrastruktur führt zu Mehrverkehr, was wiederum den Ruf nach weiteren «Entlastungstunneln» und Umfahrungsstrassen befeuert. Ein Teufelskreis, aus dem wir uns befreien müssen!

Gerade am linken Bielerseeufer wird augenfällig, dass es so nicht weitergehen kann: Jedem Dorf sein Tunnel ist blosse Symptombekämpfung, mit der keine Probleme gelöst werden. Verkehrsexperten sind heute längst viel weiter: Sie fordern Lengkungsmassnahmen anstelle von Beton. Nur so gelingt eine zukunftsfähige Mobilitätsentwicklung.

Salamitaktik und Tunnelblick

Nach jahrelangem Kampf gelang es in Biel und Nidau, den Westast – das aus der Zeit gefallene Projekt einer Autobahn mit zwei Anschlüssen mitten in der Stadt – zu bodigen. Ein grosser Erfolg für die Städte Biel und Nidau – und darüber hinaus!

Eine gute Nachricht eigentlich auch für das Nordufer des Bielersees: Der Ausbau der N5 zur Transitachse durchs Stadtgebiet hätte zur Folge gehabt, dass noch mehr Verkehr über die Jurasüdfuss-Route gelenkt worden wäre.

Da dies nun nicht der Fall ist, bieten sich neue Chancen. Etwa mit einem Transitverbot für den Schwerverkehr zwischen der Ausfahrt im Bözingenmoos und La Neuveville, sowie mit einem durchgehenden Tempolimit von 60 km/h. Dies wäre ein Meilenstein in Richtung zeitgemässer Verkehrslenkung, der eine sofortigen Verbesserung der Lebensqualität und einer Entlastung der Umwelt am Bielersee-Nordufer ermöglichen würdef.

Bund und Kanton wollen davon jedoch nichts wissen und sperren sich (vorläufig) dagegen. Wiederholt haben Vertreter des Astra und sogar Bundesrätin Simonetta Sommaruga behauptet, die Westast-Planung in Biel und der geplante Twanntunnel hätten nichts miteinander zu tun.

Fakt ist aber: Wird der Ligerztunnel bis vor Wingreis verlängert und zum «Twanntunnel» ausgebaut, wird die N5 am Bielersee für den Transitverkehr noch attraktiver. Dies nicht zuletzt, weil das Astra nach Fertigstellung des Tunnels auf der ganzen Strecke Tempo 80 durchsetzen will.

Der durch den Twanntunnel zu erwartende Mehrverkehr wiederum hätte zur Folge, dass die Verkehrsbelastung auch in Biel und Nidau zunimmt. Was in der Logik der Strassenbauer nichts anderes heisst, als dass wieder neue Strassen und Tunnel geplant werden müssen, um den zusätzlichen Verkehr zu «bewältigen»…  

Inakzeptable Vertreibung und Zerstörung

Der geplante Bau des Tunnel-Ostportals in unmittelbarer Nähe des denkmalgeschützten Weilers Wingreis belastet eine ganze Region. Die geplante Verlängerung des Ligerztunnels dient den Interessen des Transitverkehrs und einigen Wenigen im Dorfzentrum von Twann. Die Leidtragenden sind Liegenschaften mit ihren BewohnerInnen, Rebberge und Natur, die dem Bau weichen müssen.

Am schlimmsten trifft es Annemarie und Ronald Wüthrich aus Wingreis: Laut den Plänen der Strassenbauer von Bund und Kanton soll ihr Daheim dem Baustellen-Installationsplatz geopfert werden. Vorgesehen ist, dass anstelle des Hauses am Eingang zum Weiler Wingreis ein Parkplatz für die Bauarbeiter errichtet werden soll.

Ein Schock für den pensionierten Polizeibeamten und seine Frau, die als Tagesmutter Kinder aus dem Dorf betreut. Von der bevorstehenden Vertreibung haben sie erstmals anlässlich der Planauflage vor zwei Jahren erfahren. Eine Hiobsbotschaft, deren Wirkung nicht nachlässt: Das Damoklesschwert der drohenden Enteignung und Entwurzelung trübt seither ihren Alltag.

Wüthrichs haben das Haus mit Baujahr 1949 vor gut zwölf Jahren gekauft. Gleich nach ihrem Einzug mussten sie das Dach erneuern, seither haben sie die gesamte Liegenschaft gemeinsam mit ihren Söhnen Schritt für Schritt saniert. Das taten sie nicht nur mit viel Engagement und Herzblut – sie haben auch einiges an Geld in ihr Daheim gesteckt.

Eigentlich wollten sie als nächstes die Wände isolieren, sagt Ronald Wüthrich. Doch dieses Projekt ist jetzt gestoppt: Die Liegenschaft steht unter Enteignungsbann, da empfiehlt es sich nicht, weiter zu investieren.

Ronald und Annemarie Wüthrich wollen sich aber nicht einfach vertreiben lassen. Zu viel verbindet sie mit ihrem Haus und Garten, zuviel mit der Gemeinde Twann, wo sie schon so lange leben. Der dumme Spruch eines Beamten, der sagte, sie sollten die erzwungene Vertreibung als Chance für einen Neuanfang verstehen, zeugt dabei von blankem Zynismus.

In ihrem Kampf für die Rettung des Hauses stehen Wüthrichs nicht allein. Sogar die Gemeinde Twann-Tüscherz plädierte im Rahmen des Einspracheverfahrens für einen Verzicht auf die Zerstörung von Wüthrichs Haus. Davon wollte das Bundesamt für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK jedoch nichts wissen – genauso wie die Einsprache der Wüthrichs wurde auch jene der Gemeinde mit fadenscheinigen Begründungen abgewiesen.

Ronald und Annemarie Wüthrich ziehen diesen Entscheid nun, wie eine Handvoll weiterer Einsprechender aus Wingreis und Twann, ans Bundesverwaltungsgericht weiter. Dies im Gegensatz zum Gemeinderat von Twann-Tüscherz, der entschieden hat, auf eine Anfechtung der UVEK-Plangenehmigung beim Bundesverwaltungsgericht zu verzichten.

Schade – aber der Kampf geht trotzdem weiter.  

Was wollen wir erreichen?

  • Keine offene Nationalstrasse entlang des Bielersees.
  • Erhalt unserer einzigartigen Reblandschaft, welche für viele Familien eine Existenzgrundlage darstellt.
  • Schutz unserer Ortsbilder und unserer Lebensqualität.
  • Keine schrittweise Aufklassierung der jetzigen Nationalstrasse.
  • Keine jahrzehntelangen Bauprojekte, die ganze Generationen in ihrem Alltag einschränken.
  • Zeitgerechte und ehrliche Information durch die zuständigen Behörden und Mitsprache aller Betroffenen.

Kurz: Wir wollen die Korrektur der 60-jährigen Fehlplanung!